Was ist Osteopathie?

Osteopathische Dysfunktionen sind Funktionsstörungen in verschiedenen Geweben unseres Körpers. Sie entstehen, wenn der Körper seine Anpassungsfähigkeit verloren hat.

Verliert der Körper seine innere Balance, kann das den Stoffwechsel beeinträchtigen und zu Beschwerden führen. Diese osteopathischen Dysfunktionen entstehen durch Krankheiten, Unfälle, Stress, Verletzungen, Infektionen, traumatische Erlebnisse oder die natürliche Alterung. Sie wiederum blockieren die Selbstheilungskräfte im Körper.

Die Osteopathie löst mit manuellen Techniken Verspannungen in den Geweben, deblockiert Gelenke, entstaut innere Organe, beruhigt das Nervensystem und aktiviert die Zirkulation in den Gefässen. Die Therapie bewirkt, dass sich der Widerstand der Gewebe direkt oder indirekt verändert und sich dadurch die Flüssigkeit im Körper besser verteilt. Das optimiert den Stoffwechsel und bewirkt, dass der Körper die Selbstheilungsprozesse aktivieren kann.

In Ergänzung zur Schulmedizin

Im Gegensatz zur Schulmedizin fokussiert die Osteopathie auf die Gesundheit im Körper. Sanfte manuelle Techniken unterstützen den Körper auf natürliche Weise in seiner Selbstregulation.

Als Erstversorger sind Osteopath*innen ausgebildet, differenzialdiagnostische Beurteilungen zu treffen und Sie an die Schulmedizin weiter zu verweisen. Für eine Behandlung brauchen Sie keine ärztliche Verordnung.

In unserer Praxis arbeiten wir oft mit der Schulmedizin und mit anderen Gesundheitsdienstleistern zusammen, um ihre Gesundheit wieder in Balance zu bringen.

Ausbildung und Regulierung

Osteopathen und Osteopathinnen absolvieren eine fundierte Ausbildung, die in der Regel mehrere Jahre dauert und sowohl theoretisches Wissen als auch praktische Fähigkeiten umfasst. In vielen Ländern wie etwa der Schweiz ist die Osteopathie reguliert. Osteopath*innen müssen eine Zulassung oder Registrierung haben, um praktizieren zu dürfen.

Die gesetzliche Anerkennung der Osteopathie ist in der Schweiz auf Kantonsebene geregelt. Der Schweizerische Osteopathie-Verband engagiert sich aktiv in der gesundheits-politischen Arbeit. Weitere Informationen über den Berufsverband finden Sie unter www.svo-fso.ch

Die Geschichte der Osteopathie

Die Osteopathie wurde vom amerikanischen Arzt Andrew T. Still in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt. Er hatte sich seit seiner Jugend für Medizin interessiert und versuchte, mit dem damals noch wenig erforschten Wissen, die Funktionen des Körpers und der inneren Organe zu verstehen.

Enttäuscht von der klassischen medizinischen Denkweise gründete er 1894 die Schule der Osteopathie, deren Lehre rasch auf breites Interesse stiess. Er folgte dem Leitsatz: „Der Organismus kann sich selber heilen, wenn man ihm die Möglichkeit dazu gibt und ihn dabei gezielt unterstützt“. Still beabsichtigte, das innere körperliche Gleichgewicht und somit die Verbindungen zwischen der physiologischen und anatomischen Verhältnissen wiederherzustellen, was ausnahmslos zu einer Verbesserung oder sogar totalen Genesung führte.

Andrew T. Still, Gründer der Osteopathie

Osteopathie für Alle

Viele Menschen stehen im Laufe ihres Lebens vor körperlichen und seelischen Herausforderungen, die eng miteinander verbunden sein können. Stress, gesellschaftliche Stigmatisierung, chronische Anspannung und traumatische Erfahrungen können sich in Form von Verspannungen, Schmerzen, Atemmustern oder vegetativer Dysregulation im Körper manifestieren. Im Gesundheitssystem erleben dann vor allem von einer Form des «Otherings» betroffene Personen zu häufig strukturelle Barrieren und inadäquate Fürsorge. Diese Lebensherausforderungen verschärfen sich für Menschen, die von mehreren oder besonders schweren Formen des «Otherings» betroffen sind, etwa bei Geschlechtsdysphorie und Minderheitenstress. Das «Othering», die Andersmachung, betrifft in Europa besonders häufig nichtweisse/BIPOC Personen, trans* Personen, Menschen mit Behinderungen, multiplen Vorerkrankungen, Neurodivergenz, …

Die Osteopathie ist eine Therapieform (und Philosophie!) die Menschen in ihrer körperlichen, emotionalen und psychosozialen Gesamtheit betrachtet und individuelle Lebensrealitäten zentriert. Osteopathie arbeitet mit den physischen Manifestationen von allen möglichen Formen von Belastung und kann dabei helfen, den Körper wieder als sicheren, bewohnbaren Raum zu erleben.

Im Kontext von geschlechtsangleichenden oder -bestätigenden Massnahmen, kann Osteopathie an verschiedenen Stellen unterstützen. Anpassungen der Körpergewebe, des Stoffwechsels und Nervensystems unter Hormontherapie können mit Osteopathie integrierend unterstützt werden, Beschwerden lindern und die Körperwahrnehmung fördern. Auch vor und nach operativen Eingriffen sowie nichtoperativen Massnahmen wie Chest Binding kann Osteopathie helfen Beweglichkeit, Durchblutung, Narbenintegration und das allgemeine Wohlbefinden zu steigern.

Osteopathie kann die externen Stressoren und strukturellen Hürden der Welt nicht entfernen. Unser Ziel ist es diese nicht zu reproduzieren und einen Raum zu schaffen in dem Resilienz kultiviert werden kann um ihnen zu begegnen.

*das Verständnis von trans Identitäten umfasst zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Textes binäre und nicht-binäre trans Personen, intersex und intergeschlechtliche Personen, agender und genderfluide Identitäten. Wir lernen immer weiter und sind offen für neue Inputs und Feedback

(Text Anne Höhle, Januar 2026)